
Chiavi, das könnte man folgendermaßen übersetzen:
Land
des blauen Himmels und der Stürme; des Frühlings, des
Sommers, des Herbstes und des Winters;Land der Musik der Bäume,
der Flüsse, des Lichtes;Land der trommelnden Hufe, der tanzenden
Mücken, der singenden Vögel;Land des Tages und Land der
Nacht, Land der Ebenen und Berge, der sonnendurchfluteten und dunklen
Wälder, der Paläste und Hütten;
Land des ewigen
Zaubers.
Chiavi, das ist das Land, in dem Gedanken mächtiger
sein können als Armeen, das Land von Drachen und Elfen, von
Hexen und Zauberern, von Prinzen und Rittern, Königen und
Prinzessinnen. Das Land, in dem es Magie gibt statt Elektrizität
und Zaubermittel statt Medizin.
Chiavi, das Land, in dem unsere Geschichte beginnen soll ...

An dem Baum der Feen, dort wo der lichte Wald von der Steilküste
des Meeres die Hügel bedeckte, saßen zwei junge Damen auf
den flachen Steinen, die die große Buche umwurzelte. Nach einer
Weile erhoben sie sich, und Jonna bat Mayú, die Tochter des
weisen Zauberers Zir, der sich aus seiner Heimat Agenor nach Sicyon
zum Schloß aufgemacht hatte, worum ihn König Brun, der
Vater Jonnas, anläßlich eines wiedergefundenen Buches
gebeten hatte, ihr zu folgen. Sie stiegen auf ihre edlen Pferde und
ritten an der Meeresküste entlang, bis sie die Zinnen des
Schlosses der sicyonischen Herrscher erblickten.
Kurze Zeit später
empfing sie der Zentaur Ynon um ihre Pferde in den Stall zu führen.
König Brun seine Gemahlin und der Weise Zir erwarteten die
beiden Mädchen im Grünen Salon. König Brun bat die
beiden Platz zu nehmen und den Worten des Zauberers Aufmerksamkeit zu
schenken.
Wir haben euch für eine große Aufgabe
auserkoren; ihr sollt die Legende, die das ewige Buch Tirp in seinen
Seiten festhält, ob der Wahrheit ihrer Aussagen überprüfen.
Es wird berichtet von einer anderen Welt, in der nichts ist, wie in
der unseren. Es gibt weder Elfen noch Hexen, weder Riesen noch
Drachen, weder Magie noch Zaubermittel. Keine der uns bekannten
Gefahren oder Zauber findet man dort, jedoch gibt es vielerlei
fremdartige und wundersame Dinge, die keine von euch jemals gesehen
oder geträumt hat. Nun, ich werde nicht mehr viele Worte
verlieren, denn die Zeit ist gekommen, das Tor zu jener Welt, die sie
, Erde' heißen, zu durchschreiten. Du, meine Tochter, und ihr
Prinzessin Jonna, seid dazu erwählt und befähigt, den in
grauen Vorzeiten verschollenen Kontakt zu der anderen Welt
herzustellen.
Der
Zauberer blickte König Brun an und setzte, nachdem dieser
genickt hatte, seine Rede fort. Es stehen euch viele Abenteuer
und Hindernisse im Weg, doch wisset, die größte Gefahr
droht euch bei der Rückkehr in unsere Welt, denn durch das Tor,
welches das Buch Tirp beschreibt, könnt ihr nur in eine Richtung
gelangen. Seid ihr erst hindurch, bleibt es euch für immer
verschlossen. Ich habe lange mit mir gehadert, doch ich stimme dem
König zu. ihr müßt die Gefahr auf euch nehmen, daß
ihr, falls ihr den Weg der Rückkehr nicht finden werdet, auf der
Welt , Erde' für immer bleibt. Zir wendete sein Haupt
abermals zu König Brun, und dieser sprach für Ihn weiter.
Der Durchgang, von dem euch der weise Zir berichtete, befindet
sich in Sicyon, im Drachengebirge. Doch zwei Schlüssel benötigt
ihr, um die Tür zu öffnen, die den Durchgang versperrt, und
ein Zaubermittel, daß euch gestattet, unbeschadet den Weg zur
anderen Welt einzuschlagen. Um den einen Schlüssel zu finden,
müßt ihr nicht weit gehen;er ist auf dem Winterland, der
Insel des ewigen Schnees im Teich der singenden Schwäne, zu
finden. Der andere Schlüssel wird im Wichtelgebirge im Lande
Agenor von Caiopas, dem Wächter, aufbewahrt. Doch auf der Reise
zum Wichtelgebirge müßt ihr den Weg durch das Feenland
nehmen, und den Fluß Manoli überqueren, ohne euch auch nur
vom geringsten Bauern oder Fischer, geschweige denn von Elfen oder
Hexen helfen zu lassen. So ihr den zweiten Schlüssel habet,
nehmt den nächsten Weg ins Diamant-Gebirge und besteigt den
Heiligen Berg. Dort bewacht der Gläserne Adler den Trank, der es
euch ermöglicht, den Weg zu fremden Welten zu beschreiten, und
deren Sprachen zu verstehen und zu sprechen.
Mayú und
Jonna verabschiedeten sich und ritten der untergehenden Sonne nach
zum Teich der singenden Schwäne. Nach einigen Tagen
angestrengten Rittes erreichten sie die ersten Häuser des Dorfes
Acamantor. Es lag inmitten blühender Felder am Ufer des
tiefblauen Sees , in dessen Mitte man die schneeweiße Insel
Winterland wie einen Eisberg aufragen sah. Der Älteste des
Dorfes Acamantor begrüßte die beiden Reisenden und bot,
das Wappen des Königshauses erkennend, seine bescheidene
Holzhütte als Unterkunft an. Dankend nahmen die beiden sein
Angebot wahr und, da sie von der langen Reise erschöpft waren,
legten sie sich sogleich neben dem Kamin zum Schlafen nieder.
Die Schneekönigin, die in Märchen auch auf der Erde noch
bekannt war, hatte von ihren Spionen im königlichen Schloß
von dem Auftrag der beiden Mädchen erfahren und beschlossen, ihr
möglichstes zu tun, um das Gelingen des Planes zu verhindern.
Ihr eisiges Herz hatte daher entschieden, einen Wind loszuschicken in
der Absicht, die beiden heimtückisch zu ermorden.
Wenn die
kleine Spinne, die in einer Ecke der Hütte ihr Netz sponn, nicht
so schläfrig gewesen wäre, hätte sie die ersten Böen
des herannahenden Windes verspürt und die beiden Schlafenden
rechtzeitig vor seinem Herannahen warnen können. So aber sah sie
sich, die beiden Mädchen und den Dorfältensten von einer
Feuermauer umgeben.
Zu
ihrer aller Glück aber, hatte der Zauberer Zir, von Neugierde
geplagt, einen Blick in seine Kristallkugel, die durch diese
einmalige, schwere Belastung zersprang, geworfen, und rief einige
Regenwolken, die zur Zeit über dem Meer des Ostens schwebten, zu
Hilfe. Die so Geretteten dankten, naß aber glücklich, der
Vorsehung für ihre Errettung, nicht ahnend, daß Mayú's
Vater dafür seine Zauberkugel geopfert hatte.
Da es inzwischen Tag geworden war, machten sich Jonna und ihre
Freundin in Begleitung der nun Heimatlos gewordenen Mondspinne auf
den Weg zum Bootssteg, wo sie sich von einem Fischer eine von ihm
,Boot' genannte Nußschale borgten, um den See zu überqueren.
Die Pferde ließen sie am Ufer zurück.
Sie hatten den
See schon halb überquert, als die Schneekönigin, erbost
über ihren unvorhergesehenerweise mißlungenen Anschlag,
ein weiteres Attentat ausführte. Just über der Stelle, wo
das kleine Boot mit den Wogen kämpfte, fielen plötzlich
scharfe Eiszapfen auf das Boot nieder und durchlöcherten
selbiges. Allein den Schwänen verdankten die drei Weggefährten
ihr Leben' denn diese brachten durch ihre wundersamen Melodien die
Eiszapfen zum Schmelzen und ließen eine Tonbrücke
entstehen, auf welcher die drei sicher das Winterland erreichten.
Unbehelligt von der Schneekönigin, die sich vor Wut erhitzt in
ihren Eispalast zurückgezogen hatte, um das in ihren Adern zu
Wasser geronnene Eis wieder erstarren zu lassen, stapften sie in
Richtung des Hauses der Frau Schneeflocke durch das knirschende Weiß,
um den dort ruhenden Schlüssel zu holen. Frau Schneeflocke
träumte sich durch ihren hundertjährigen Schlaf, in den sie
alle hundert Jahre fiel, und den niemand unterbrechen durfte.
Plötzlich vernahmen sie sanft klingenden Glockenklänge,
und blieben wie verzaubert stehen. Die Mondspinne wußte die für
diesen Ort ungewöhnlichen Klänge zu deuten, und erklärte
den Mädchen, daß sie von einem der sieben Glücksdrachen
herrühren mußten, die jenseits des Flusses Sadaja im
Drachengebirge beheimatet waren, und dieses nur selten verließen,
da nur dort die zur Erhaltung ihrer Existenz unabdingbaren
vulkanischen Krater seit Ewigkeiten bestanden. Sie gingen den
Glockenklängen nach, und fanden, umgeben von einem magischen
Eiszirkel der Schneekönigin Amleto, den grünen
Glücksdrachen kraft- und feuerlos am Boden liegen. Mit letzter
Kraft hob er den Kopf und flehte sie an, ihn aus dem eisigen Reich
der Schneekönigin zu erretten, die sich des Glückes
bemächtigen wollte, und ihn bei einer Überquerung des
Winterlandes gedrachnept hatte. Jonna und Mayú versuchten den
eisigen Zirkel mit ihren magischen und körperlichen Kräften
zu durchbrechen, doch all ihre Versuche scheiterten kläglich.
Nun bemerkten sie, daß die Mondspinne mit silbrig glänzenden
Fäden begonnen hatte, den Zirkel einzuspinnen, und so dessen
Macht bannte. Amleto erhob sich in die Lüfte, und bald war nur
noch der leise Glockenschlag seiner Flügel zu hören.
Während
sie noch dastanden, hörten sie ein leises Schwirren und Klingen
und der güldene Schlüssel, den der Glücksdrache aus
Frau Schneeflockes Schlafgemächern entwendet hatte, fiel vor
ihnen in den Schnee. Die drei begaben sich glücklich auf den
Rückweg und wurden von den singenden Schwänen zu ihren
Pferden zurückgeflogen. Nach drei Tagesritten kamen sie an den
Rand des Feenwaldes , wo sie die Mondspinne verließ, um sich
auf den Weg zum Heiligen Berg zu machen.
Der anfangs lichte Wald
wurde mit jedem Schritt dichter und düsterer, und bald
verschwand der Weg vor den Hufen ihrer Pferde. Durch das Moos an den
Stämmen der Bäume versuchten sie, ihre Richtung zu
bestimmen, doch bösartige Trolle verdrehten die Bäume, so
daß sie sich in einem unüberschaubaren Labyrinth
verschiedenster Himmelsrichtungen verstrickten. Als sie schon nahe
daran waren, die Feen um Hilfe zu bitten, da sie erkannt hatten, daß
sie in die Irre geführt worden waren, wurde ihnen bewußt,
daß allein die Kraft ihrer vereinten Gedanken in der Lage war,
ihnen den richtigen Weg zu öffnen. So erreichten sie bald die
dem Fluß Manoli zugewandte Seite des Feenwaldes, wo ihnen eine
Gesandtschaft der Feenkönigin als Anerkennung ihres Willens eine
magische Murmel überreichte, deren Bedeutung ihnen jedoch nicht
offenbart wurde. Bald gelangten sie an das Ufer des Flusses, der das
Niemandsland mit dem Meer des Ostens verband. Mittlerweile war es
Nacht geworden und bitterkalt. Jonna brachte ein Bündel Reisig,
das sie am Waldesrand aufgelesen hatte, und Mayú versuchte,
Feuer zu werfen, wie sie es einst von ihrem Vater gelernt hatte;
jedoch ihre klammen Finger versagten den Dienst.
Jonna,
die in die alten Bücher des Königs geschlechtes von Sicyon
Einblick genommen hatte, erinnerte sich an die Beschreibung einer
Murmel, die die Strahlen des Mondes bündelte und so ein Feuer zu
entfachen vermochte. Trotz aller Anstrengungen mißlang das
Vorhaben, und sie schleuderte wutentbrannt das Geschenk der
Feenkönigin in die Fluten des Stromes. Die Kugel tanzte über
das Wasser und breitete einen roten Lichtteppich über den Fluß,
den Mayú und Jonna darauf überquerten. Von der eisigen
Kälte getrieben, beeilten sie sich, den Fuß des
Wichtelgebirges zu erreichen, wo sie den zweiten Schlüssel zu
finden hofften. Sie begannen die steilen Berge zu Fuß zu
erklimmen, sie hatten die Pferde zurückgelassen, denn für
sie wäre der Weg zu gefährlich gewesen, und wurden der
hinter Felsen und Bäumen lauernden Wichtel gewahr, die sie durch
Streiche und allerlei Hindernisse von ihrem Weg zu Caiopas, dem
Wächter, abbringen wollten. Einige der Wichtel waren rot
bemützt, andere jedoch in dem tristen grau der Berge gekleidet.
So konnte man eine Unterscheidung der sich sonst sehr ähnlich
sehenden Wichtelstämme machen, und gute und böse
auseinanderhalten. Mit einiger Mühe erreichten sie auf der
Spitze eines Berges die Höhle von Caiopas, der bereits von ihrem
Kommen unterrichtet war. Er händigte ihnen den zweiten Schlüssel
aus und lud sie ein, seinem Mahl beizuwohnen.
Nach einigen
Stunden machten sie sich auf den Rückweg durch felsige
Schluchtenund Grüfte und setzten ihre Reise zu Pferde fort.
Dieses Mal überquerten sie den Fluß Manoli mit Hilfe einer
freundlichen alten Hexe, die ihr Lebkuchenhaus verlassen hatte um
ihnen beizustehen. Durch einen Zauberspruch, den sie murmelte,
ermöglichte sie den beiden Reiterinnen das andere Ufer des
Flusses trockenen Hufes zu erreichen. Nun konnten Jonna und Mayú
ihre Reise zum Diamant-Gebirge unbehelligt fortsetzen und erreichten
es nach zwei Monden im Morgengrauen.
Dort teilte ihnen der sprechende Hund Bingie mit, daß die
Mondspinne sie am Heiligen Berg erwartete. Tatsächlich sahen sie
einige Felsenecken später die kleine Spinne, die ihnen aus
Mondstrahlen eine Strickleiter geflochten hatte, die bis zur Spitze
des Heiligen Berges reichte, wo der Gläserne Adler zu Hause war.
Schon standen sie auf dem Gipfel des Heiligen Berges und hörten
die gläsernen Flügelschläge des herannahenden Adlers.
Sie hoben einen der glitzernden, scharfkantigen Diamanten, aus denen
sich das Gebirge zusammensetzte, auf, in der Hoffnung, den Adler so
bezwingen zu können. Der große Vogel landete einige Meter
vor ihnen auf dem Boden und betrachtete sie mit mißtrauischem
Blick, wobei er seine majestätischen Schwingen immer wenige
Zentimeter über der glitzernden und funkelnden Pracht hielt, um
das feine Glas seiner Flügel nicht zu verletzen.
Kaum hatten
sie ihn nach dem Zaubertrank aus der Quelle gefragt, als er sich
bereits auf sie stürzte, während sein gläserner Körper
vor Wut vibrierte. Denn schon seit Urzeiten waren die gläsernen
Adler vom bösen Zauberer Ramak verhext worden, der es als sein
Lebenswerk ansah, zu verhindern, daß die beiden Welten jemals
wieder in Kontakt treten könnten.
Schützend hielt Mayú
den Diamanten vor ihr Gesicht und das gläserne Wesen zersprang
in tausende glitzernde Scherben, worauf wieder der gefiederte Adler
zum Vorschein kam, der er einst gewesen, bevor der böse Zauberer
ihn verglast hatte. Der Zauber war vorbei und ungefährdet
konnten sie nun ihre Flaschen mit dem Zaubertrank der Heiligen Quelle
füllen. Dankbar erbot sich der Adler, die beiden Mädchen
und die kleine Mondspinne auf seinen mächtigen Schwingen bis vor
das Drachengebirge zu bringen, wo er umkehren mußte, da der
bösartige, uralte Drache Asaka seine Flügel versengt haben
würde, wäre er über das Gebirge geflogen.
Im Besitz des Trankes und der Schlüssel machten sich die
Tochter des sicyonischen Herrschers Brun und die Tochter Zirs auf,
den durch das mächtige Eisentor versperrten Durchgang zu finden.
Die Furcht des Adlers war nicht unbegründet gewesen, denn unter
Schnauben und Qualmen brach das altersschwarze, fürchterliche
Ungeheuer Asaka aus einer Höhle hervor, um sich kundig zu
machen, wer es gewagt hatte sein verkohltes Reich zu betreten.
Zutiefst erschrocken von seinem Anblick rannten die drei so weit, bis
sie außer Asakas Sichtweite gelangt waren. Doch dieser
verfolgte ihre Fährte keuchend, schnaubend und stampfend. Starr
vor Schreck sahen sie in die Richtung, aus der Rauchwolken
emporstoben, als plötzlich eine grüne Schnauze um die Ecke
lugte. Unter leisem Glockenklang schob sich der Rest des Drachen
hinter dem Felsen hervor, und vor ihnen stand Amleto, der jüngste
der sieben Glücksdrachen, den sie aus den eisigen Fängen
der Schneekönigin befreit hatten. Die Glücksaura, die
Amleto umgab, zwang den pechschwarzen Unglücksdrachen Asaka zum
Rückzug. Ein himmelblauer Glücksdrache, den Amleto
herbeirief, wies ihnen den Weg zu dem eisernen Tor, das alsbald vor
ihnen aufragte. Mayú und Jonna verabschiedeten sich von den
beiden Drachen und der Mondspinne, die sich entschlossen hatte, auf
den Flügeln Amletos ihrer Rückkehr zu harren.
Kaum
hatten sie die beiden Schlösser mit den Schlüsseln berührt,
als das Tor auch schon quietschend und knarrend den Durchgang zur
anderen Welt freigab.
.
. . und was sie dort erlebten, daß müßt ihr euch
schon selber ausdenken . . .
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Juli 2000
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